SOP-RD-001 Freigegeben

Strukturierte Patientenuntersuchung (xABCDE)

Einheitliches Vorgehen beim Erstkontakt: lebensbedrohliche Störungen in fester Reihenfolge erkennen und sofort behandeln.

Kategorie
Grundlagen & Untersuchung
Zielgruppe
RS, NotSan, NA
Version
1.0
Stand
Verantwortlich
Ausbildungsleitung
Inhalt dieser SOP
  1. Ziel und Geltungsbereich
  2. Vor dem Patientenkontakt
  3. Primary Survey: xABCDE
  4. Kritischer Patient?
  5. Secondary Survey
  6. Orientierungswerte Erwachsene

Ziel und Geltungsbereich

Jeder Patient wird nach demselben Schema untersucht – unabhängig vom Meldebild. So werden lebensbedrohliche Störungen früh erkannt und in der richtigen Reihenfolge behandelt. Gilt für alle Einsätze im Rettungsdienst.

Merke: Treat first what kills first

Ein Problem wird sofort behandelt, sobald es erkannt wird – erst danach geht es zum nächsten Buchstaben.

Vor dem Patientenkontakt

  1. Eigenschutz: Gefahren an der Einsatzstelle erkennen (Verkehr, Strom, Feuer, Gase, Personen). Handschuhe anziehen.
  2. Lage erfassen: Anzahl Betroffener, Unfallmechanismus, Bedarf an Nachforderung (NA, Feuerwehr, Polizei, weitere Rettungsmittel).
  3. Ersteindruck (in wenigen Sekunden): Wirkt der Patient kritisch oder nicht kritisch? Bewusstsein, Atmung, Hautfarbe, sichtbare Blutung.

Achtung: Keine normale Atmung und nicht ansprechbar

Sofort Reanimation beginnen → siehe SOP-RD-002 Reanimation Erwachsener.

Primary Survey: xABCDE

x – Exsanguinierende Blutung

  • Spritzende oder stark pulsierende Blutung vor allem anderen stoppen.
  • Direkter Druck, Druckverband, bei Extremitäten frühzeitig Tourniquet.

A – Airway (Atemweg)

  • Spricht der Patient? Geräusche wie Gurgeln, Schnarchen oder Stridor?
  • Mund-Rachen-Raum inspizieren, ggf. absaugen.
  • Atemweg freimachen: Kopf überstrecken / Esmarch-Handgriff, ggf. Guedel- oder Wendltubus.
  • Bei Traumaverdacht: manuelle Stabilisierung der HWS.

B – Breathing (Belüftung)

  • Atemfrequenz, Atemtiefe, Atemmuster, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur
  • SpO₂ messen, Thorax inspizieren und abtasten, beidseits auskultieren
  • Sauerstoff nach Zielwert (siehe Tabelle), bei unzureichender Atmung assistiert beatmen

C – Circulation (Kreislauf)

  • Puls zentral und peripher: Frequenz, Rhythmus, Qualität
  • Rekapillarisierungszeit, Hautfarbe, -temperatur, Schweiß
  • Blutdruck, EKG-Monitoring
  • Blutungsquellen suchen: Blut auf dem Boden und vier weitere – Thorax, Abdomen, Becken, Oberschenkel
  • Zugang legen, Schockbehandlung

D – Disability (Neurologie)

  • Bewusstsein nach AVPU, danach GCS
  • Pupillen (Größe, Seitengleichheit, Lichtreaktion)
  • Blutzucker bei jeder Bewusstseinsstörung
  • Grobe Neurologie: Motorik und Sensibilität aller Extremitäten, BE-FAST bei Verdacht auf Schlaganfall
  • Schmerz mit Skala (NRS 0–10)

E – Exposure / Environment

  • Patient so weit nötig entkleiden, Bodycheck von Kopf bis Fuß
  • Körpertemperatur, Wärmeerhalt (auch im Sommer)
  • Umgebung: Medikamente, Hinweise auf Intoxikation, Wohnsituation

Kritischer Patient?

Kritisch ist ein Patient, sobald in A, B, C oder D eine Störung vorliegt, die nicht sofort vollständig behoben werden kann.

  • Notarzt nachfordern (falls nicht bereits vor Ort)
  • Zeit vor Ort kurz halten, zügiger Transport in eine geeignete Klinik
  • Voranmeldung der Zielklinik

Secondary Survey

Erst wenn A–E stabil sind:

SchemaInhalt
SAMPLERSymptome, Allergien, Medikamente, Patientengeschichte, Letzte Mahlzeit / Stuhlgang / Periode, Ereignis, Risikofaktoren
OPQRST (Schmerz)Onset (Beginn), Provokation / Linderung, Qualität, Radiation (Ausstrahlung), Severity (Stärke), Time (Zeitverlauf)

Anschließend gezielte körperliche Untersuchung und regelmäßige Re-Evaluation – mindestens nach jeder Maßnahme, bei jeder Zustandsänderung und vor dem Transport.

Orientierungswerte Erwachsene

ParameterNormbereichKritisch (Beispiel)
Atemfrequenz12–20 /min< 8 oder > 30 /min
SpO₂94–98 %< 90 %
Herzfrequenz60–100 /min< 40 oder > 130 /min
Blutdruck systolisch100–140 mmHg< 90 mmHg
Rekapillarisierung≤ 2 s> 2 s
GCS15≤ 8
Blutzucker70–140 mg/dl< 60 mg/dl
Temperatur36,5–37,5 °C< 35 °C oder > 39 °C

Info: Sauerstoff-Zielwerte

SpO₂ 94–98 %. Bei Patienten mit Risiko für eine Hyperkapnie (z. B. schwere COPD) 88–92 %.

Schulungsunterlage. Maßgeblich sind die jeweils gültigen Leitlinien sowie die Vorgaben der ärztlichen Leitung. Medikamentengaben nur im Rahmen der freigegebenen Kompetenzen bzw. auf ärztliche Anordnung.

Stichwörter: Primary Survey, ABCDE, SAMPLER, OPQRST, Ersteinschätzung, kritischer Patient