SOP-RD-001 Freigegeben
Strukturierte Patientenuntersuchung (xABCDE)
Einheitliches Vorgehen beim Erstkontakt: lebensbedrohliche Störungen in fester Reihenfolge erkennen und sofort behandeln.
Inhalt dieser SOP
Ziel und Geltungsbereich
Jeder Patient wird nach demselben Schema untersucht – unabhängig vom Meldebild. So werden lebensbedrohliche Störungen früh erkannt und in der richtigen Reihenfolge behandelt. Gilt für alle Einsätze im Rettungsdienst.
Merke: Treat first what kills first
Ein Problem wird sofort behandelt, sobald es erkannt wird – erst danach geht es zum nächsten Buchstaben.
Vor dem Patientenkontakt
- Eigenschutz: Gefahren an der Einsatzstelle erkennen (Verkehr, Strom, Feuer, Gase, Personen). Handschuhe anziehen.
- Lage erfassen: Anzahl Betroffener, Unfallmechanismus, Bedarf an Nachforderung (NA, Feuerwehr, Polizei, weitere Rettungsmittel).
- Ersteindruck (in wenigen Sekunden): Wirkt der Patient kritisch oder nicht kritisch? Bewusstsein, Atmung, Hautfarbe, sichtbare Blutung.
Achtung: Keine normale Atmung und nicht ansprechbar
Sofort Reanimation beginnen → siehe SOP-RD-002 Reanimation Erwachsener.
Primary Survey: xABCDE
x – Exsanguinierende Blutung
- Spritzende oder stark pulsierende Blutung vor allem anderen stoppen.
- Direkter Druck, Druckverband, bei Extremitäten frühzeitig Tourniquet.
A – Airway (Atemweg)
- Spricht der Patient? Geräusche wie Gurgeln, Schnarchen oder Stridor?
- Mund-Rachen-Raum inspizieren, ggf. absaugen.
- Atemweg freimachen: Kopf überstrecken / Esmarch-Handgriff, ggf. Guedel- oder Wendltubus.
- Bei Traumaverdacht: manuelle Stabilisierung der HWS.
B – Breathing (Belüftung)
- Atemfrequenz, Atemtiefe, Atemmuster, Einsatz der Atemhilfsmuskulatur
- SpO₂ messen, Thorax inspizieren und abtasten, beidseits auskultieren
- Sauerstoff nach Zielwert (siehe Tabelle), bei unzureichender Atmung assistiert beatmen
C – Circulation (Kreislauf)
- Puls zentral und peripher: Frequenz, Rhythmus, Qualität
- Rekapillarisierungszeit, Hautfarbe, -temperatur, Schweiß
- Blutdruck, EKG-Monitoring
- Blutungsquellen suchen: Blut auf dem Boden und vier weitere – Thorax, Abdomen, Becken, Oberschenkel
- Zugang legen, Schockbehandlung
D – Disability (Neurologie)
- Bewusstsein nach AVPU, danach GCS
- Pupillen (Größe, Seitengleichheit, Lichtreaktion)
- Blutzucker bei jeder Bewusstseinsstörung
- Grobe Neurologie: Motorik und Sensibilität aller Extremitäten, BE-FAST bei Verdacht auf Schlaganfall
- Schmerz mit Skala (NRS 0–10)
E – Exposure / Environment
- Patient so weit nötig entkleiden, Bodycheck von Kopf bis Fuß
- Körpertemperatur, Wärmeerhalt (auch im Sommer)
- Umgebung: Medikamente, Hinweise auf Intoxikation, Wohnsituation
Kritischer Patient?
Kritisch ist ein Patient, sobald in A, B, C oder D eine Störung vorliegt, die nicht sofort vollständig behoben werden kann.
- Notarzt nachfordern (falls nicht bereits vor Ort)
- Zeit vor Ort kurz halten, zügiger Transport in eine geeignete Klinik
- Voranmeldung der Zielklinik
Secondary Survey
Erst wenn A–E stabil sind:
| Schema | Inhalt |
|---|---|
| SAMPLER | Symptome, Allergien, Medikamente, Patientengeschichte, Letzte Mahlzeit / Stuhlgang / Periode, Ereignis, Risikofaktoren |
| OPQRST (Schmerz) | Onset (Beginn), Provokation / Linderung, Qualität, Radiation (Ausstrahlung), Severity (Stärke), Time (Zeitverlauf) |
Anschließend gezielte körperliche Untersuchung und regelmäßige Re-Evaluation – mindestens nach jeder Maßnahme, bei jeder Zustandsänderung und vor dem Transport.
Orientierungswerte Erwachsene
| Parameter | Normbereich | Kritisch (Beispiel) |
|---|---|---|
| Atemfrequenz | 12–20 /min | < 8 oder > 30 /min |
| SpO₂ | 94–98 % | < 90 % |
| Herzfrequenz | 60–100 /min | < 40 oder > 130 /min |
| Blutdruck systolisch | 100–140 mmHg | < 90 mmHg |
| Rekapillarisierung | ≤ 2 s | > 2 s |
| GCS | 15 | ≤ 8 |
| Blutzucker | 70–140 mg/dl | < 60 mg/dl |
| Temperatur | 36,5–37,5 °C | < 35 °C oder > 39 °C |
Info: Sauerstoff-Zielwerte
SpO₂ 94–98 %. Bei Patienten mit Risiko für eine Hyperkapnie (z. B. schwere COPD) 88–92 %.
Schulungsunterlage. Maßgeblich sind die jeweils gültigen Leitlinien sowie die Vorgaben der ärztlichen Leitung. Medikamentengaben nur im Rahmen der freigegebenen Kompetenzen bzw. auf ärztliche Anordnung.
Ausdruck vom 21.10.2026, 03:23 Uhr. Gültig ist ausschließlich die Online-Fassung: https://lsmd.einsatz.cloud/sop/patientenuntersuchung-xabcde